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when death keeps its secrets - Roisín Ó Domhnaill - 17.06.2026 Das "Griots Table" war nicht zu laut, um sich zu unterhalten, aber auch nicht wirklich leise.
Nicht auf die unangenehme Art, wie eine überfüllte Underground-Bahn zur Rushhour laut sein konnte, sondern voller Leben. Gespräche überlagerten sich, irgendwo wurde gelacht, Gläser klirrten und aus einem Lautsprecher in einer Ecke erklangen Rhythmen, die Roisín nicht kannte. Trommeln und mit einem Mal wurde eine Jazz-Trompete im Hintergrund gestimmt. Die Luft war erfüllt von Gewürzen, die sie nicht benennen konnte, und einem Duft, der sie entfernt an die Märkte erinnerte, die sie vor Jahrhunderten einmal in Andalusien besucht hatte. Trotzdem fühlte sie sich fehl am Platz. Das Restaurant schien von Leben zu pulsieren. Sie selbst fühlte sich hin und wieder immer noch wie ein Vakuum, das verzweifelt nach etwas lechzte, von dem sie die vage Vorstellung hatte, dass es sich wie "Leben" anfühlte. Warme Farben dominierten den Raum. Goldene Lichtkegel spiegelten sich auf dunklem Holz, Stimmen erhoben und senkten sich wie die Wellen eines Meeres, irgendwo lachte jemand so herzlich, dass mehrere Tische einstimmten. Die Musik war fremd und doch einladend, voller Rhythmus und Energie, als würde sie jeden dazu auffordern, Teil davon zu werden. Gewürze lagen schwer in der Luft und vermischten sich mit dem Duft von Tee, gebratenem Fleisch und etwas Süßlichem, das Roisín nicht benennen konnte. Und mittendrin saß sie. Wie ein falsch gesetzter Tintenfleck auf einem farbenfrohen Gemälde. Roisín hatte nie wirklich gelernt, sich modern zu kleiden. Nach fast acht Jahrhunderten erschienen ihr Modetrends flüchtig und austauschbar. Sie kamen und gingen schneller, als sie sich ihre Namen merken konnte. Ihr eigener Geschmack war irgendwo zwischen den Jahrhunderten zurückgeblieben und hatte sich dort eingerichtet, war nahezu festgewachsen mit einem undurchdringlichen und unverrückbaren Wurzelwerk. Fast ausschließlich trug sie Schwarz. Nicht aus Rebellion oder modischer Absicht, sondern weil es sich richtig anfühlte. Vertraut. Beständig. An diesem Abend bestand ihre Kleidung aus einem knielangen, schwarzen Kleid, dessen Schnitt ebenso gut aus einem anderen Jahrhundert hätte stammen können. Der Spitzenkragen schmiegte sich an ihr Dekolletee, feine Stickereien zeichneten sich an den Ärmelabschlüssen ab und der dunkle Stoff fiel in weichen Falten bis über ihre Knie. Über der Rückenlehne ihres Stuhls hing ein schwerer Mantel aus dunklem Wollstoff, dessen altmodische Eleganz eher an die Straßen des viktorianischen Londons erinnerte als an das Jahr 2019. Ein schmales Silbermedaillon ruhte auf ihrer Brust und fing gelegentlich das warme Licht der Lampen ein. Zwischen den farbenfrohen Gewändern einiger Gäste, den modernen Jacken und den lebhaften Bewegungen der Menschen wirkte sie beinahe wie eine Erscheinung aus einer anderen Zeit. Als hätte jemand eine junge Trauernde aus einer alten Fotografie herausgeschnitten und versehentlich in das geschäftige London der Gegenwart gesetzt. Vielleicht war es ihre Kleidung. Vielleicht ihre ungewöhnlich hellen Augen. Oder die stille Art, mit der sie jede Bewegung ausführte. Menschen konnten selten genau benennen, was sie an Roisín irritierte. Doch irgendetwas an ihr wirkte stets ein wenig entrückt, als wäre sie nur halb in der Gegenwart angekommen. Während die Gäste um sie herum lachten, aßen und Geschichten austauschten, saß sie beinahe reglos an ihrem Tisch und umschloss ihre Teetasse mit beiden Händen. Für einen flüchtigen Augenblick fühlte sie sich wieder wie die junge Banshee, die vor Jahrhunderten zum ersten Mal die Anderswelt verlassen hatte: eine Fremde unter Menschen, die wusste, wie man ihren Tod beweinte, aber nie ganz verstanden hatte, wie man mit ihnen lebte. Mit beiden Händen umfasste sie die warme Teetasse, die ihr die Bedienung vor wenigen Minuten gebracht hatte. Man hatte ihr einen Gewürztee empfohlen – Rooibos mit Ingwer und Kardamom. Der Duft war angenehm, beruhigend sogar, doch ihre Aufmerksamkeit kehrte immer wieder zur Tür zurück. Sie wartete. Das tat sie in ihrem langen Leben häufiger, als ihr lieb war. Vor drei Tagen hatte sie den Tod ihres Verwandten gesehen. Nicht den Augenblick danach. Nicht die Ursache. Nicht einmal sein Gesicht besonders deutlich. Nur den verzweifelten Kampf gegen etwas Unsichtbares. Das Gefühl von Panik. Das Brennen in seinem Körper. Und das Wissen, das jede Banshee besaß, lange bevor Worte dafür existierten. Er würde sterben. Er war gestorben. Die Ärzte wussten nicht warum. Die Familie stritt bereits darüber, wer verantwortlich sein könnte, während andere darüber diskutierten, wer welchen Teil des ohnehin kaum noch vorhandenen Vermögens erhalten sollte. Kearney hatte wie üblich mehr Meinungen als Antworten, zumindest präsentierte er sich in ihrer Gegenwart so. Ob dies wirklich sein Innerstes war oder lediglich eine gut antrainierte Fassade, vermochte die Banshee mittlerweile nicht mehr zu sagen. Zu oft waren ihr Ungereimtheiten in Kearneys Aussagen in der Vergangenheit aufgefallen, ohne sie jemals anzusprechen, geschweige denn offen zu hinterfragen. Roisín hatte Generationen der Ó Domnhaills kommen und gehen sehen. Sie hatte Kinder aufwachsen sehen, die später selbst Großeltern wurden. Hatte Hochzeiten erlebt, Beerdigungen und Streitigkeiten, deren Ursprung längst vergessen war. Fast acht Jahrhunderte lang war sie an diese Familie gebunden gewesen. Manchmal fragte sie sich, ob sie die Ó Domnhaills nicht längst hätte hassen müssen. Stattdessen empfand sie meist eine müde Form von Zuneigung. Die Familie war nur noch ein Schatten dessen, was sie einst gewesen war. Wo früher Könige und Clanführer gestanden hatten, stritt man heute über Hotelanteile, Erbschaften und verletzten Stolz. Die Namen hatten sich geändert, die Konflikte kaum. Und dennoch waren sie ihre Familie. Vielleicht lag genau darin das Problem. Nach all den Jahrhunderten kannte Roisín die Abgründe der Ó Domnhaills besser als jeder andere. Der Gedanke, dass der Tod ihres Verwandten möglicherweise kein natürlicher gewesen war, ließ deshalb eine Frage in ihr aufkeimen, die sie nicht auszusprechen wagte. Was, wenn die Antwort erneut innerhalb der Familie zu finden war? Roisín hingegen interessierte nur eine einzige Frage: Was war wirklich geschehen? Seit dem Tod hatte sie mehrfach versucht, Kontakt aufzunehmen. Geister fanden sie oft genug von allein. Manche suchten Trost. Manche wollten gehört werden. Manche wollten einfach nicht akzeptieren, dass ihre Zeit vorbei war. Doch dieser Geist blieb still. Als würde etwas ihn zurückhalten. Oder als hätte er noch nicht gelernt, wie man die Schwelle übertrat. Durch einen ihrer Kontakte in der verborgenen Bibliothek unter dem British Museum hatte sie schließlich einen Namen erhalten. James Harrington. Vodoo-Priester. Jemand, der mit den Toten sprechen konnte, wenn die Toten sprechen wollten. Normalerweise hätte Roisín einen Brief geschrieben. Oder zumindest angerufen, bevor sie sich zu einem persönlichen Treffen überwunden hätte. Doch diese Verbindung war durch den Kontakt in der Bibliothek entstanden. Ob Mr. Harrington scheu war, seine Kontaktdaten herauszugeben oder eher der Vermittler, wusste sie nicht. Doch ihr ungutes Gefühl war mit jedem Tag stärker geworden. Vermutlich war dies bereits die kühnste Entscheidung, die sie in diesem Monat getroffen hatte. Also war sie hier. Als die Tür des Restaurants aufging, hob sie beinahe automatisch den Blick. Frische Luft mischte sich mit der etwas süßlichen Schwere, die hier im Raum lag. Ihre hellblauen Augen suchten den Neuankömmling für einen Moment, ehe sie die Tasse langsam wieder auf den Tisch stellte. Ob es tatsächlich James Harrington war, wusste sie nicht. Aber der Zylinder verriet ihn wohl, so ihr Vermittler. Aber plötzlich war sie sich bewusst, wie seltsam ihre Bitte eigentlich klang. Guten Abend. Würden Sie mir helfen, mit einem Toten zu sprechen? In ihrem Kopf hatte das deutlich vernünftiger gewirkt. Sie strich eine dunkle Haarsträhne hinter ihr Ohr und wartete, während die Geräusche des Restaurants um sie herum weiterflossen wie ein lebendiger Strom, zu dem sie selbst nie ganz gehört hatte. RE: when death keeps its secrets - James Harrington - 19.06.2026 Wenn man von vorne anfing, war das alles etwas seltsam gelaufen mit der Klientin. James gehörte weder zu den scheuen Vertretern von Londons Demi-Monde noch zu den absolut guten und redlichen Menschen. Er lebte eher in seiner eigenen, kleinen aber dafür wohldefinierten Grauzone. Was wohl auch besser war für alle Dienstleistungen, die er anbot. Er war nicht der Typ für nette, kleine Kräutertinkturen oder einen kleinen aber durchaus feinen Bannzauber gegen den Poltergeist der Familie von Nebenan. Nein, er hatte auch keine Probleme mit Schadzauberei. Welche - man glaubte es sicherlich kam - bedeutend mehr Geld einbrachte als alles andere. Sicherlich nicht weil die Dinge aufwendiger waren oder schwer zu bekommen. Das galt für alle seiner Dienstleistungen - schließlich gab es kaum jemand in London, der genau das anbot. Aber wenn Menschen etwas verbotenes forderten, dann zahlten sie den Preis für ein reines Gewissen gleich mit. Als Heiler wurde man lieber als Scharlatan verurteilt - weil man kein Arzt war und es natürlich keine Magie gab. Wenn es der Arzt nicht richten konnte, dann auch nicht der Mann, der mit Huhn und Trommel anrückte. Menschen waren eben genauso und James war moralisch flexibel, was viele seiner Kunden zu schätzen wußten. Aber zurück zu der neuesten - diesem irisch klingenden Mädchen. Die, die ihn über einen Mittelsmann kontaktiert hatte, irgendwen an den er sich nur noch am Rande erinnern konnte. Vielleicht war das der Grund gewesen, wieso es nicht so leicht mit ihr gewesen war? Immerhin hatte sie sich nicht durchs Telefonbuch gewühlt oder das Internet benutzt oder eben auch die afrikanische Gemein de in London. Dann wäre es sicher einfacher geworden, richtig? Der Mittelsmann hatte sich auf Goeffreys Lokal ausgesucht, vermutlich hatte er beim gemeinsamen Bekannten Schulden. Der Ort war James einerlei. Das Ergebnis war einfach - sie würden sich heute hier treffen, James hatte die Uhrzeit auch wenn er schon viel länger hier war. Immerhin war Goeffrey ein guter Kumpel, Marcellus ein guter Kunde, die Küchencrew wußte, was sie in ihren Töpfen und Tiegeln schmorte. Es war ein guter und ehrlicher Ort für Fremde und ein noch besserer für Freunde. Da er Goeffrey noch eine Tinktur für seine Mam vorbeibringen mußte, war er vor Eröffnung schon hier gewesen. Was mit einem großen Hallo und jede Menge Geschichten geendet hatte. Wie immer, wenn man Freunde und Bekannte eine Weile nicht gesehen hatte. James hatte Goeffrey gesagt, daß das irische Mädchen einen brauchbaren Platz brauchte, sie mußten noch über Geschäfte sprechen. Deswegen kein Platz mitten im schlimmsten Trubel oder nahe der Band - falls es Livemusik geben würde. Man wußte an einem Tag nie, was man wirklich serviert bekam und das nicht nur im Bezug auf das Essen. Auf jeden Fall hatte James so die Gelegenheit, sie aus der Entfernung genauer zu betrachten - jemand, der wie verloren wirkte und in der Zeit stehen geblieben. Jemand, der den Geruch von Wiesen, Folklore und auch das Lachen von Menschen mit sich brachte aber ansonsten rabenschwarz und düster wirkte. So waren sie eben die Fae - an manchen schien der Tod zu haften. Oder sie sahen aus, wie Beerdigungsunternehmer aus dem viktorianischen Zeitalter. Jedenfalls ein Blick auf die Uhr sagte, daß er sich durchaus eilen sollte. Manche Menschen und Fae bestanden auf Pünktlichkeit. Im Gegensatz zu ihr war James nicht sonderlich gut oder auch schlecht gekleidet. Sein Mantel hing schon seit heute Mittag an der Garderobe, er selbst trug einfach Jeans und Shirt. Beides war nicht so farbenfroh wie die Kleidung der Menschen hier aber es paßte von der Lässigkeit wunderbar herein. Das Shirt versteckte weder die unzähligen Tätowierungen an seinen Armen noch lenkte es von der Narbe, die von der Stirn über die Augenbraue hin bis zur Wange ging. Carn begrüßte die Narbe immer extra nett und James war mehr als nur glücklich, das das Messer sein Auge nicht erwischt hatte. Am Tisch angekommen, schaute er seine Klientin an. "Hallo, freut mich, daß sie es hierher geschafft haben. Mein Name ist James Harrington." Natürlich würde er ihr die Hand reichen oder eben sich auch einfach setzen. Je nachdem wie sie sich geben würde. RE: when death keeps its secrets - Roisín Ó Domhnaill - 20.06.2026 Dass der Mann, der sie seit einigen Minuten unauffällig beobachtet hatte, sich schließlich tatsächlich auf den Weg zu ihr machte, sorgte nicht etwa für Erleichterung, sondern vielmehr für jene leise Nervosität, die sie immer dann überkam, wenn eine Begegnung, die sie zuvor dutzendfach in Gedanken durchgespielt hatte, plötzlich Wirklichkeit wurde. Sie hatte sich vorgestellt, wie sie ihn begrüßen würde. Hatte Formulierungen abgewogen, verworfen und wieder aufgenommen. Nun schienen sie alle mit einem Mal unerquicklich hölzern.
Als er schließlich vor ihrem Tisch stehen blieb und sich mit ruhiger Selbstverständlichkeit als James Harrington vorstellte, erhob sich Roisín beinahe automatisch von ihrem Platz. Es entsprach weniger den Gepflogenheiten des einundzwanzigsten Jahrhunderts als vielmehr jenen Höflichkeitsformen, die ihr über die Jahrhunderte zur zweiten Natur geworden waren. „Es freut mich ebenfalls, Mister Harrington. Mein Name ist Roisín Ó Domhnaill“, erwiderte sie mit einem sanften irischen Akzent, der die Vokale weicher werden ließ, als es in London üblich war. Nachdem sie seine dargebotene Hand einen kurzen Augenblick betrachtet hatte – weniger aus Misstrauen als aus der flüchtigen Unsicherheit, ob ein Händedruck in diesem Moment tatsächlich erwartet wurde –, legte sie schließlich ihre schmale Hand in die seine. Ihre Finger waren kühl, beinahe unnatürlich kühl, wie es bei Wesen ihres Schlages nicht selten der Fall war, während ihr Griff ebenso zurückhaltend blieb wie ihre gesamte Erscheinung. Erst nachdem beide wieder Platz genommen hatten, erlaubte sie sich, ihn etwas eingehender zu betrachten. Sie hatte einen Mann erwartet, dessen Auftreten mehr von Ritualen geprägt sein würde. Vielleicht einen dunklen Mantel, alte Amulette oder andere sichtbare Zeichen seines Glaubens. Stattdessen saß ihr jemand gegenüber, dessen Kleidung kaum auffiel und der sich mit einer Selbstverständlichkeit zwischen den Gästen bewegte, als gehöre er ebenso selbstverständlich hierher wie die Musik oder die dampfenden Töpfe aus der Küche. Je länger sie ihn betrachtete, desto deutlicher wurde ihr bewusst, wie wenig sie eigentlich über ihn wusste. Sein Name war ihr genannt worden. Man hatte gesagt, er könne mit den Toten sprechen. Das war alles. Sie wusste weder, welchen Preis ein Mann wie er für seine Dienste verlangte, noch ob sich dieser überhaupt in Geld bemessen ließ. In ihrer Handtasche befand sich ein Umschlag mit Bargeld, den sie vorsorglich eingesteckt hatte. Sollte das nicht genügen, würde sie wohl improvisieren müssen – ein Gedanke, der ihr weitaus weniger behagte, als sie zugeben mochte. Dennoch war sie gekommen. Die Sorge darüber, was sie erfahren könnte, wog inzwischen geringer als die Sorge darüber, niemals eine Antwort zu erhalten. Gerade dieser Gegensatz ließ ihren Blick unwillkürlich an den Tätowierungen hängen, die unter den kurzen Ärmeln hervorschimmerten, ehe er an der markanten Narbe verweilte, welche sich über sein Gesicht zog. Sie wirkte weder versteckt noch beschönigt. Eher wie etwas, das längst zu ihm gehörte und das er ebenso gelassen mit sich trug wie andere Menschen ein Muttermal. Für einen flüchtigen Moment fragte sie sich, welche Geschichte sich wohl dahinter verbarg. Doch ebenso schnell verwarf sie den Gedanken wieder. Sie war nicht hier, um Fragen zu stellen, die sie nichts angingen. „Vielen Dank, dass Sie sich die Zeit für dieses Treffen genommen haben“, sagte sie stattdessen leise. „Ich muss gestehen, dass ich mich mit der Wahl des Lokals zunächst etwas schwertat. Nicht, weil es mir nicht gefällt – ganz im Gegenteil –, sondern weil ich bisher kaum Berührungspunkte mit... nun ja... der afrikanischen Kultur hatte.“ Als irische Todesfee war dies jetzt auch nicht unbedingt ungewöhnlich. Rosie war sogar in der Welt herumgekommen, doch weiter als bis in ihr Exil hatte es eben auch nicht mehr gereicht. Und sie hatte Verpflichtungen, Verpflichtungen auf Daseinszeit. Sie hatte keine Möglichkeit, sich plötzlich los zu reißen und die Welt zu erkunden. Oder… hatte sie das doch? Fast entschuldigend glitt ihr Blick durch den Raum. Inzwischen empfand sie das Lachen der Gäste längst nicht mehr als aufdringlich. Es erinnerte sie vielmehr daran, wie unterschiedlich Menschen Trauer und Freude zu verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Orten begegneten. Während in ihrer Heimat Beisammensein oft von Musik begleitet worden war, die eine leise Melancholie in sich trug, schien dieses Restaurant das Leben selbst zu feiern. Vielleicht war genau das der Grund, weshalb sie sich hier so deutlich ihrer eigenen Fremdheit bewusst geworden war. Als eine Bedienung an den Tisch trat und freundlich fragte, ob noch ein Wunsch bestünde, senkte Roisín den Blick kurz auf ihre inzwischen geleerte Tasse. „Der Tee war ausgesprochen wohltuend“, bemerkte sie mit einem kleinen Lächeln, ehe sie sich für einen Moment an eine Empfehlung erinnerte, die sie vor einigen Tagen in der Bibliothek beiläufig aufgeschnappt hatte. „Ich... glaube, ich würde gern einmal Amarula probieren, sofern Sie ihn empfehlen können.“ Es war eine kleine Entscheidung und doch fühlte sie sich beinahe ungewohnt mutig an. Oder musste sie sich etwa Mut antrinken um diese Verhandlungen zu bestehen? Nachdem die Bedienung gegangen war, legte sich die zaghafte Wärme ihres Lächelns wieder. „Sie werden sich vermutlich fragen, weshalb ich Sie überhaupt kontaktiert habe“, begann sie schließlich und faltete die Hände locker ineinander. „Ich arbeite als Kuratorin am British Museum und betreue dort zusätzlich eine Bibliothek, deren Bestand... nicht jedem Besucher zugänglich ist. Einer meiner Kontakte dort erwähnte Ihren Namen, als ich nach jemandem suchte, der mit Verstorbenen in Verbindung treten kann. Man sagte mir, dass Sie auf diesem Gebiet über Fähigkeiten verfügen, die ausgesprochen selten geworden sind.“ Sie hob den Blick, ehe ihre Stimme unmerklich leiser wurde. „Vor wenigen Tagen verstarb ein Angehöriger meiner Familie unter Umständen, die bislang niemand erklären kann. Die Pathologie fand keine Ursache, doch ich bin überzeugt, dass sein Tod nicht natürlich war. Mir wurde sein Sterben... angekündigt, allerdings endete die Vision, bevor ich erkennen konnte, was ihm widerfahren war. Seitdem habe ich mehrfach gehofft, dass sein Geist von sich aus den Kontakt zu mir suchen würde, wie es gelegentlich geschieht. Doch er schweigt.“ Für einen Moment ruhte ihr Blick auf ihren ineinander verschränkten Händen. „Ich weiß nicht, ob er nicht sprechen kann oder ob ihn etwas daran hindert. Deshalb hoffe ich, dass Sie vielleicht einen Weg kennen, ihn zu erreichen. Mir geht es nicht darum, jemanden vorschnell zu beschuldigen. Ich möchte lediglich verstehen, weshalb ein Mann sterben musste, dessen letzte Augenblicke... nicht die eines natürlichen Todes waren.“ Für einen Moment schwieg sie, als müsste sie erst den Mut aufbringen, den nächsten Gedanken überhaupt auszusprechen. „Die Familie Ó Domhnaill war einst ein bedeutendes irisches Geschlecht. Heute ist davon nur wenig geblieben. Zwei Hotels in Irland, eines hier in London und ein Erbe, das mit jeder Generation kleiner zu werden scheint. Seit einigen Jahren verwaltet mein Onkel Kearney die verbliebenen Besitztümer. Ich selbst halte mich aus diesen Angelegenheiten so gut es geht heraus. Vermutlich, weil ich in den vergangenen Jahrhunderten oft genug erlebt habe, wie Erbschaften selbst vernünftige Menschen gegeneinander aufbringen können.“ Ihre Finger strichen gedankenverloren über den Rand der inzwischen leeren Tasse. „Ich möchte meinem Onkel oder irgendjemand anderem wirklich nichts unterstellen“, sagte sie nach einer kurzen Pause, während ihr Blick für einen Moment auf ihren ineinander verschränkten Händen ruhte. Fast schien es, als überlege sie, ob sie den nächsten Gedanken überhaupt aussprechen sollte. Sie war an diese Familie gebunden… für immer. „Und... ich weiß auch nicht, ob das, was ich Ihnen erzähle, am Ende überhaupt von Bedeutung ist. Vielleicht nicht. Aber wenn ich Sie um Ihre Hilfe bitte, dann habe ich das Gefühl, dass ich Ihnen gegenüber ehrlich sein muss. Es wäre nicht richtig, Dinge auszulassen, nur weil sie mir unangenehm sind oder… oder weil ich befürchte, sie könnten in die falsche Richtung weisen.“ Sie hob den Blick erst zögerlich wieder. „Vielleicht… vielleicht ist es wirklich nur meine eigene Unruhe, die nach einem Zusammenhang sucht, weil die Pathologie keine Antworten finden konnte“, fügte sie beinahe entschuldigend hinzu. „Dennoch... die Spannungen innerhalb meiner Familie haben in den vergangenen Monaten deutlich zugenommen. Hinter verschlossenen Türen wird viel gesprochen, Entscheidungen werden plötzlich getroffen, ohne dass jemand davon erfährt, und Menschen, die sich früher zumindest mit Respekt begegnet sind, scheinen einander inzwischen fast nur noch mit Misstrauen anzusehen.“ Ein kaum merkliches, müdes Lächeln huschte über ihre Lippen. „Ich kenne die Ó Domhnaills seit beinahe achthundert Jahren. Vermutlich bilde ich mir deshalb manchmal ein, ein Gespür dafür entwickelt zu haben, wenn etwas aus dem Gleichgewicht gerät. Vielleicht täusche ich mich diesmal auch. Ich hoffe sogar, dass ich mich täusche. Aber seit der Vision seines Todes lässt mich dieses Gefühl einfach nicht mehr los.“ Ihre Stimme wurde zum Ende hin leiser. „Sollte sein Geist tatsächlich noch mit jemandem sprechen können, dann...“, sie hielt einen Moment inne, als wolle sie ihre Worte besonders sorgfältig wählen, „...dann wünsche ich mir einfach zu verstehen, was geschehen ist. Nicht, um jemanden schuldig zu sprechen. Sondern weil ich fürchte, dass wir andernfalls etwas übersehen könnten, das die Familie noch weiter auseinanderbrechen lässt.“ RE: when death keeps its secrets - James Harrington - 24.06.2026 Naja, das tat man eben, wenn man sich verabredet hatte oder? Also für ein Business Date, kein echtes Date. Man wartete, bis die Person anwesend war, riskierte einige Blicke und war eben freundlich. James hatte sie nicht anders behandelt als jeden anderen Kunden. Es gab lediglich den Unterschied, daß die meisten Kunden ihn direkt kontaktieren oder bei ihm vorbei kamen. Er stand schließlich auch ganz normal im Telefonbuch und hatte...wie sagte man...einen sehr kleinen Laden. Er war nicht wirklich der Geheimtipp der Stadt aber vielleicht lag es auch daran, daß sich die wenigsten um Voodoo kümmerten oder davon ausgingen, das es wirklich funktionierte. Das war eher Sache der Menschen vom afrikanischen Kontinent - es gab so viele Länder, so viele unterschiedliche Kulturen - nicht jeder wandte sich an James aber doch einige. Sein Klientel war eben doch sehr unterschiedlich aber das machte es auch spannend. Sie war eben schüchtern oder? Gerade als James überlegte, ob er seine Hand zurückziehen sollte, weil sie eventuell doch zu viel des Guten war, ergriff sie mehr oder minder seine Hand nachdem wie aufgestanden war. Eine ganz normale Höflichkeitsform wie man sie von Geschäftstreffen kannte und er nickte ihr nach der Vorstellungsrunde zu. "Freut mich, Sie kennen zu lernen." Mit einer leichten Handbewegung deutete er an, daß sie sich gerne wieder setzen konnten, er tat es jedenfalls in alle Ruhe. Sie waren schließlich beide nicht auf der Flucht. So war es normal, daß er sie erstmal ankommen ließ. Vielleicht war sie neugierig, schüchtern, überrumpelt - sie sollte die Zeit bekommen, sich sozusagen zu akklimatisieren. Sie hatten ja beide im Vorfeld nicht miteinander gesprochen oder sich auf andere Art und Weise ausgetauscht. Da war es vermutlich ganz normal, daß es einen kleinen oder auch längeren Moment zum Beschnuppern dauerte. Wirklich viel wußte er über ihr Anliegen nicht. Außer daß sie jemand suchte, der mit Toten sprechen konnte. Was in den meisten Fällen nun wirklich nicht so kompliziert, war wie manche immer dachten. James mußte schmunzeln als sie das Lokal ansprach. "Ach es war Ihre Idee, sich hier zu treffen? Und ich dachte, ihr Kontakt hätte noch eine Rechnung offen." James vermied Namen sehr gerne - man mußte keine preisgeben wenn es nicht unbedingt notwendig war. "Aber ein kleiner Tipp von mir, wenn Sie niemanden kränken wollen. Es gibt keine afrikanische Kultur. Es gibt sehr viele verschiedene Völker und Stämme, alle haben ihre eigene Kultur und Bräuche auch wenn vieles ähnlich scheint. Ein einzelnes Land auf dem Kontinent kann viel verschiedene Kulturen sein eigen nenne. Man kann es nicht so einfach abgrenzen wie in Europa." Er lächelte aufmunternd. Auch wenn es natürlich etwas belehrend wirkte, wollte er sie vor weiteren Fettnäpfchen und auch Problemen bewahren. Nicht jeder war in diesem Punkt so tolerant wie James. Viele Mitglieder seiner Gemeinde waren sehr stolz auf ihre Herkunft und die war niemals 'Afrika'. Selbst hier im Stimmengewirr konnte man locker viele verschiedene Sprachen ausmachen, wenn man sich konzentrierte. James verstand bei weitem nicht alles, wie auch? Wobei es auch ganz normale Briten gab, die hier zu Gast waren und genauso herzlich empfangen wurden wie jeder andere. Gastfreundschaft wurde bei Goeffrey schon immer großgeschrieben, es war ein sehr netter und offener Ort hier. Er bestellte sich, nachdem er die Bedienung, ebenfalls freundlich begrüßt hatte, ein Star Bier. Bekam man nicht überall und manchmal hatte man eben bei Goeffrey Glück, wenn der Import geklappt hatte. Dann aber 'back to business' oder so. So ließ er sie erstmal aussprechen während sie langsam ihre Geschichte ausrollte. Es war vollkommen okay, daß sie vorne anfing und James lauschte aufmerksam ohne sie zu unterbrechen. Er nickte und ließ sie weitersprechen. Es schien eine sehr sehr lange Geschichte zu sein von der James sicher nur die Hälfte gebraucht hätte. Ob sie nervös war oder ob sie davon überzeugt war, daß er wirklich alles wissen müssen, konnte der Voodoomann nicht sagen. Es waren sehr viel Informationen, die er auch erstmal entsprechend aufnehmen und 'sortieren' mußte. Manche betrafen ihn, manche so gar nicht. Während Rosie sprach, deutete er mit kleinen Geste immer wieder an, daß er verstanden hatte. Auch wenn er Fragen hatte, wollte er ihren Gesprächsfluß nicht unterbrechen, immerhin war sie von Anfang an eher der zurückhaltende Teil des Gesprächs gewesen. Erst als sie geendet hatte, ergriff James das Wort. "Ich hätte ein paar Fragen zu den Ereignissen. Ein paar Dinge sind mir noch nicht ganz klar." Dinge, die nun nicht die Familiengeschichte betrafen. "Wenn Sie von dieser...Todesvision sprechen, wie äußert sich das? Passiert es öfters, daß diese...sagen wir mal, unvollständig sind? Für mich klingt es weniger nach einem Problem mit dem Toten an sich. Habe Sie schonmal darüber nachgedacht, daß jemand etwas mit Ihnen angestellt hat? Ein Fluch? Ein Zauber oder sowas in der Art?" James schaute sie fragend an, nahm dann aber auch erstmal einen Schluck von seinem Bier. "Das ist der eine Punkt an Ihrer Geschichte, der mich stutzig macht aber ich bin auch kein Fachmann für Fae. Ich kenne viele aber ich weiß nicht immer, wie sich deren Magie äußert. Sie können da sicher ein wenig Klarheit ins Dunkel bringen, richtig?" Manche mußten ja Tanzen und Hüpfen aber das glaubte er bei der Frau gegenüber eher weniger. "Der nächste Punkt ist die Obduktion der Leiche. Hat die Polizei ermittelt und wenn ja, wurde etwas gefunden, was auf einen gewaltsamen Tod hindeutet? Oder auch auf etwas magisches?" Dafür gab es ja schließlich das Folly, abstruser Scheiß wurde jederzeit an die Nachtigall übergeben. Ob die sich darum kümmern konnte, war etwas anderes. "Und was ist die offizielle Todesursache, die festgestellt wurde?" Er machte eine kleine Pause, um das gehörte noch einmal durchzugehen ob er nichts vergessen hatte. "Allerdings möchte ich Sie fairerweise darauf hinweisen, daß mich die Streitigkeiten innerhalb ihrer Familie nichts angehen und daß ich mich da auch nicht einmischen werden. Ein anderer Punkt ist, daß ich Ihnen nicht versprechen kann, daß Ihnen der Geist Antworten liefern wird. Bei Morden ohne offensichtliche Spuren hat das Opfer den Tod auch nicht kommen sehen, in welcher Form auch immer. Wenn also Ihr Verwandter nichts gesehen hat, wird er nichts sagen können als etwaige Vermutungen." James spielte jederzeit mit offenen Karten, bevor er einen Auftrag annahm. Beratung und Aufklärung waren genauso wichtig wie die Durchführung sobald der Deal zustande gekommen war. Aber erst mußte man sich über den Gegenstand des Vertrags unterhalten, alle Einzelheiten und auch die Bezahlung unterhalten, bevor es losging. Immerhin ging es um eine Dienstleistung und die sollte zu beider Zufriedenheit ausgeführt werden. James hatte einen sehr guten Ruf in London und Umgebung, der er nicht auf Spiel setzen wollte. Nun war sie wieder dran und James wartete ruhig auf weitere Informationen. Vielleicht würde sich ja der bisherige Auftrag sogar ändern. Er hatte es jedenfalls nicht in der Hand. |