20.06.2026, 15:50 - Wörter:
(Dieser Beitrag wurde zuletzt bearbeitet: 20.06.2026, 15:50 von Roisín Ó Domhnaill.)
Dass der Mann, der sie seit einigen Minuten unauffällig beobachtet hatte, sich schließlich tatsächlich auf den Weg zu ihr machte, sorgte nicht etwa für Erleichterung, sondern vielmehr für jene leise Nervosität, die sie immer dann überkam, wenn eine Begegnung, die sie zuvor dutzendfach in Gedanken durchgespielt hatte, plötzlich Wirklichkeit wurde. Sie hatte sich vorgestellt, wie sie ihn begrüßen würde. Hatte Formulierungen abgewogen, verworfen und wieder aufgenommen. Nun schienen sie alle mit einem Mal unerquicklich hölzern.
Als er schließlich vor ihrem Tisch stehen blieb und sich mit ruhiger Selbstverständlichkeit als James Harrington vorstellte, erhob sich Roisín beinahe automatisch von ihrem Platz. Es entsprach weniger den Gepflogenheiten des einundzwanzigsten Jahrhunderts als vielmehr jenen Höflichkeitsformen, die ihr über die Jahrhunderte zur zweiten Natur geworden waren.
„Es freut mich ebenfalls, Mister Harrington. Mein Name ist Roisín Ó Domhnaill“, erwiderte sie mit einem sanften irischen Akzent, der die Vokale weicher werden ließ, als es in London üblich war. Nachdem sie seine dargebotene Hand einen kurzen Augenblick betrachtet hatte – weniger aus Misstrauen als aus der flüchtigen Unsicherheit, ob ein Händedruck in diesem Moment tatsächlich erwartet wurde –, legte sie schließlich ihre schmale Hand in die seine. Ihre Finger waren kühl, beinahe unnatürlich kühl, wie es bei Wesen ihres Schlages nicht selten der Fall war, während ihr Griff ebenso zurückhaltend blieb wie ihre gesamte Erscheinung. Erst nachdem beide wieder Platz genommen hatten, erlaubte sie sich, ihn etwas eingehender zu betrachten.
Sie hatte einen Mann erwartet, dessen Auftreten mehr von Ritualen geprägt sein würde. Vielleicht einen dunklen Mantel, alte Amulette oder andere sichtbare Zeichen seines Glaubens. Stattdessen saß ihr jemand gegenüber, dessen Kleidung kaum auffiel und der sich mit einer Selbstverständlichkeit zwischen den Gästen bewegte, als gehöre er ebenso selbstverständlich hierher wie die Musik oder die dampfenden Töpfe aus der Küche.
Je länger sie ihn betrachtete, desto deutlicher wurde ihr bewusst, wie wenig sie eigentlich über ihn wusste. Sein Name war ihr genannt worden. Man hatte gesagt, er könne mit den Toten sprechen. Das war alles. Sie wusste weder, welchen Preis ein Mann wie er für seine Dienste verlangte, noch ob sich dieser überhaupt in Geld bemessen ließ. In ihrer Handtasche befand sich ein Umschlag mit Bargeld, den sie vorsorglich eingesteckt hatte. Sollte das nicht genügen, würde sie wohl improvisieren müssen – ein Gedanke, der ihr weitaus weniger behagte, als sie zugeben mochte. Dennoch war sie gekommen. Die Sorge darüber, was sie erfahren könnte, wog inzwischen geringer als die Sorge darüber, niemals eine Antwort zu erhalten.
Gerade dieser Gegensatz ließ ihren Blick unwillkürlich an den Tätowierungen hängen, die unter den kurzen Ärmeln hervorschimmerten, ehe er an der markanten Narbe verweilte, welche sich über sein Gesicht zog. Sie wirkte weder versteckt noch beschönigt. Eher wie etwas, das längst zu ihm gehörte und das er ebenso gelassen mit sich trug wie andere Menschen ein Muttermal. Für einen flüchtigen Moment fragte sie sich, welche Geschichte sich wohl dahinter verbarg. Doch ebenso schnell verwarf sie den Gedanken wieder. Sie war nicht hier, um Fragen zu stellen, die sie nichts angingen.
„Vielen Dank, dass Sie sich die Zeit für dieses Treffen genommen haben“, sagte sie stattdessen leise. „Ich muss gestehen, dass ich mich mit der Wahl des Lokals zunächst etwas schwertat. Nicht, weil es mir nicht gefällt – ganz im Gegenteil –, sondern weil ich bisher kaum Berührungspunkte mit... nun ja... der afrikanischen Kultur hatte.“ Als irische Todesfee war dies jetzt auch nicht unbedingt ungewöhnlich. Rosie war sogar in der Welt herumgekommen, doch weiter als bis in ihr Exil hatte es eben auch nicht mehr gereicht. Und sie hatte Verpflichtungen, Verpflichtungen auf Daseinszeit. Sie hatte keine Möglichkeit, sich plötzlich los zu reißen und die Welt zu erkunden. Oder… hatte sie das doch?
Fast entschuldigend glitt ihr Blick durch den Raum. Inzwischen empfand sie das Lachen der Gäste längst nicht mehr als aufdringlich. Es erinnerte sie vielmehr daran, wie unterschiedlich Menschen Trauer und Freude zu verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Orten begegneten. Während in ihrer Heimat Beisammensein oft von Musik begleitet worden war, die eine leise Melancholie in sich trug, schien dieses Restaurant das Leben selbst zu feiern. Vielleicht war genau das der Grund, weshalb sie sich hier so deutlich ihrer eigenen Fremdheit bewusst geworden war.
Als eine Bedienung an den Tisch trat und freundlich fragte, ob noch ein Wunsch bestünde, senkte Roisín den Blick kurz auf ihre inzwischen geleerte Tasse.
„Der Tee war ausgesprochen wohltuend“, bemerkte sie mit einem kleinen Lächeln, ehe sie sich für einen Moment an eine Empfehlung erinnerte, die sie vor einigen Tagen in der Bibliothek beiläufig aufgeschnappt hatte. „Ich... glaube, ich würde gern einmal Amarula probieren, sofern Sie ihn empfehlen können.“ Es war eine kleine Entscheidung und doch fühlte sie sich beinahe ungewohnt mutig an. Oder musste sie sich etwa Mut antrinken um diese Verhandlungen zu bestehen?
Nachdem die Bedienung gegangen war, legte sich die zaghafte Wärme ihres Lächelns wieder. „Sie werden sich vermutlich fragen, weshalb ich Sie überhaupt kontaktiert habe“, begann sie schließlich und faltete die Hände locker ineinander. „Ich arbeite als Kuratorin am British Museum und betreue dort zusätzlich eine Bibliothek, deren Bestand... nicht jedem Besucher zugänglich ist. Einer meiner Kontakte dort erwähnte Ihren Namen, als ich nach jemandem suchte, der mit Verstorbenen in Verbindung treten kann. Man sagte mir, dass Sie auf diesem Gebiet über Fähigkeiten verfügen, die ausgesprochen selten geworden sind.“
Sie hob den Blick, ehe ihre Stimme unmerklich leiser wurde. „Vor wenigen Tagen verstarb ein Angehöriger meiner Familie unter Umständen, die bislang niemand erklären kann. Die Pathologie fand keine Ursache, doch ich bin überzeugt, dass sein Tod nicht natürlich war. Mir wurde sein Sterben... angekündigt, allerdings endete die Vision, bevor ich erkennen konnte, was ihm widerfahren war. Seitdem habe ich mehrfach gehofft, dass sein Geist von sich aus den Kontakt zu mir suchen würde, wie es gelegentlich geschieht. Doch er schweigt.“
Für einen Moment ruhte ihr Blick auf ihren ineinander verschränkten Händen. „Ich weiß nicht, ob er nicht sprechen kann oder ob ihn etwas daran hindert. Deshalb hoffe ich, dass Sie vielleicht einen Weg kennen, ihn zu erreichen. Mir geht es nicht darum, jemanden vorschnell zu beschuldigen. Ich möchte lediglich verstehen, weshalb ein Mann sterben musste, dessen letzte Augenblicke... nicht die eines natürlichen Todes waren.“
Für einen Moment schwieg sie, als müsste sie erst den Mut aufbringen, den nächsten Gedanken überhaupt auszusprechen. „Die Familie Ó Domhnaill war einst ein bedeutendes irisches Geschlecht. Heute ist davon nur wenig geblieben. Zwei Hotels in Irland, eines hier in London und ein Erbe, das mit jeder Generation kleiner zu werden scheint. Seit einigen Jahren verwaltet mein Onkel Kearney die verbliebenen Besitztümer. Ich selbst halte mich aus diesen Angelegenheiten so gut es geht heraus. Vermutlich, weil ich in den vergangenen Jahrhunderten oft genug erlebt habe, wie Erbschaften selbst vernünftige Menschen gegeneinander aufbringen können.“ Ihre Finger strichen gedankenverloren über den Rand der inzwischen leeren Tasse.
„Ich möchte meinem Onkel oder irgendjemand anderem wirklich nichts unterstellen“, sagte sie nach einer kurzen Pause, während ihr Blick für einen Moment auf ihren ineinander verschränkten Händen ruhte. Fast schien es, als überlege sie, ob sie den nächsten Gedanken überhaupt aussprechen sollte. Sie war an diese Familie gebunden… für immer. „Und... ich weiß auch nicht, ob das, was ich Ihnen erzähle, am Ende überhaupt von Bedeutung ist. Vielleicht nicht. Aber wenn ich Sie um Ihre Hilfe bitte, dann habe ich das Gefühl, dass ich Ihnen gegenüber ehrlich sein muss. Es wäre nicht richtig, Dinge auszulassen, nur weil sie mir unangenehm sind oder… oder weil ich befürchte, sie könnten in die falsche Richtung weisen.“
Sie hob den Blick erst zögerlich wieder.
„Vielleicht… vielleicht ist es wirklich nur meine eigene Unruhe, die nach einem Zusammenhang sucht, weil die Pathologie keine Antworten finden konnte“, fügte sie beinahe entschuldigend hinzu. „Dennoch... die Spannungen innerhalb meiner Familie haben in den vergangenen Monaten deutlich zugenommen. Hinter verschlossenen Türen wird viel gesprochen, Entscheidungen werden plötzlich getroffen, ohne dass jemand davon erfährt, und Menschen, die sich früher zumindest mit Respekt begegnet sind, scheinen einander inzwischen fast nur noch mit Misstrauen anzusehen.“
Ein kaum merkliches, müdes Lächeln huschte über ihre Lippen. „Ich kenne die Ó Domhnaills seit beinahe achthundert Jahren. Vermutlich bilde ich mir deshalb manchmal ein, ein Gespür dafür entwickelt zu haben, wenn etwas aus dem Gleichgewicht gerät. Vielleicht täusche ich mich diesmal auch. Ich hoffe sogar, dass ich mich täusche. Aber seit der Vision seines Todes lässt mich dieses Gefühl einfach nicht mehr los.“
Ihre Stimme wurde zum Ende hin leiser. „Sollte sein Geist tatsächlich noch mit jemandem sprechen können, dann...“, sie hielt einen Moment inne, als wolle sie ihre Worte besonders sorgfältig wählen, „...dann wünsche ich mir einfach zu verstehen, was geschehen ist. Nicht, um jemanden schuldig zu sprechen. Sondern weil ich fürchte, dass wir andernfalls etwas übersehen könnten, das die Familie noch weiter auseinanderbrechen lässt.“
Als er schließlich vor ihrem Tisch stehen blieb und sich mit ruhiger Selbstverständlichkeit als James Harrington vorstellte, erhob sich Roisín beinahe automatisch von ihrem Platz. Es entsprach weniger den Gepflogenheiten des einundzwanzigsten Jahrhunderts als vielmehr jenen Höflichkeitsformen, die ihr über die Jahrhunderte zur zweiten Natur geworden waren.
„Es freut mich ebenfalls, Mister Harrington. Mein Name ist Roisín Ó Domhnaill“, erwiderte sie mit einem sanften irischen Akzent, der die Vokale weicher werden ließ, als es in London üblich war. Nachdem sie seine dargebotene Hand einen kurzen Augenblick betrachtet hatte – weniger aus Misstrauen als aus der flüchtigen Unsicherheit, ob ein Händedruck in diesem Moment tatsächlich erwartet wurde –, legte sie schließlich ihre schmale Hand in die seine. Ihre Finger waren kühl, beinahe unnatürlich kühl, wie es bei Wesen ihres Schlages nicht selten der Fall war, während ihr Griff ebenso zurückhaltend blieb wie ihre gesamte Erscheinung. Erst nachdem beide wieder Platz genommen hatten, erlaubte sie sich, ihn etwas eingehender zu betrachten.
Sie hatte einen Mann erwartet, dessen Auftreten mehr von Ritualen geprägt sein würde. Vielleicht einen dunklen Mantel, alte Amulette oder andere sichtbare Zeichen seines Glaubens. Stattdessen saß ihr jemand gegenüber, dessen Kleidung kaum auffiel und der sich mit einer Selbstverständlichkeit zwischen den Gästen bewegte, als gehöre er ebenso selbstverständlich hierher wie die Musik oder die dampfenden Töpfe aus der Küche.
Je länger sie ihn betrachtete, desto deutlicher wurde ihr bewusst, wie wenig sie eigentlich über ihn wusste. Sein Name war ihr genannt worden. Man hatte gesagt, er könne mit den Toten sprechen. Das war alles. Sie wusste weder, welchen Preis ein Mann wie er für seine Dienste verlangte, noch ob sich dieser überhaupt in Geld bemessen ließ. In ihrer Handtasche befand sich ein Umschlag mit Bargeld, den sie vorsorglich eingesteckt hatte. Sollte das nicht genügen, würde sie wohl improvisieren müssen – ein Gedanke, der ihr weitaus weniger behagte, als sie zugeben mochte. Dennoch war sie gekommen. Die Sorge darüber, was sie erfahren könnte, wog inzwischen geringer als die Sorge darüber, niemals eine Antwort zu erhalten.
Gerade dieser Gegensatz ließ ihren Blick unwillkürlich an den Tätowierungen hängen, die unter den kurzen Ärmeln hervorschimmerten, ehe er an der markanten Narbe verweilte, welche sich über sein Gesicht zog. Sie wirkte weder versteckt noch beschönigt. Eher wie etwas, das längst zu ihm gehörte und das er ebenso gelassen mit sich trug wie andere Menschen ein Muttermal. Für einen flüchtigen Moment fragte sie sich, welche Geschichte sich wohl dahinter verbarg. Doch ebenso schnell verwarf sie den Gedanken wieder. Sie war nicht hier, um Fragen zu stellen, die sie nichts angingen.
„Vielen Dank, dass Sie sich die Zeit für dieses Treffen genommen haben“, sagte sie stattdessen leise. „Ich muss gestehen, dass ich mich mit der Wahl des Lokals zunächst etwas schwertat. Nicht, weil es mir nicht gefällt – ganz im Gegenteil –, sondern weil ich bisher kaum Berührungspunkte mit... nun ja... der afrikanischen Kultur hatte.“ Als irische Todesfee war dies jetzt auch nicht unbedingt ungewöhnlich. Rosie war sogar in der Welt herumgekommen, doch weiter als bis in ihr Exil hatte es eben auch nicht mehr gereicht. Und sie hatte Verpflichtungen, Verpflichtungen auf Daseinszeit. Sie hatte keine Möglichkeit, sich plötzlich los zu reißen und die Welt zu erkunden. Oder… hatte sie das doch?
Fast entschuldigend glitt ihr Blick durch den Raum. Inzwischen empfand sie das Lachen der Gäste längst nicht mehr als aufdringlich. Es erinnerte sie vielmehr daran, wie unterschiedlich Menschen Trauer und Freude zu verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Orten begegneten. Während in ihrer Heimat Beisammensein oft von Musik begleitet worden war, die eine leise Melancholie in sich trug, schien dieses Restaurant das Leben selbst zu feiern. Vielleicht war genau das der Grund, weshalb sie sich hier so deutlich ihrer eigenen Fremdheit bewusst geworden war.
Als eine Bedienung an den Tisch trat und freundlich fragte, ob noch ein Wunsch bestünde, senkte Roisín den Blick kurz auf ihre inzwischen geleerte Tasse.
„Der Tee war ausgesprochen wohltuend“, bemerkte sie mit einem kleinen Lächeln, ehe sie sich für einen Moment an eine Empfehlung erinnerte, die sie vor einigen Tagen in der Bibliothek beiläufig aufgeschnappt hatte. „Ich... glaube, ich würde gern einmal Amarula probieren, sofern Sie ihn empfehlen können.“ Es war eine kleine Entscheidung und doch fühlte sie sich beinahe ungewohnt mutig an. Oder musste sie sich etwa Mut antrinken um diese Verhandlungen zu bestehen?
Nachdem die Bedienung gegangen war, legte sich die zaghafte Wärme ihres Lächelns wieder. „Sie werden sich vermutlich fragen, weshalb ich Sie überhaupt kontaktiert habe“, begann sie schließlich und faltete die Hände locker ineinander. „Ich arbeite als Kuratorin am British Museum und betreue dort zusätzlich eine Bibliothek, deren Bestand... nicht jedem Besucher zugänglich ist. Einer meiner Kontakte dort erwähnte Ihren Namen, als ich nach jemandem suchte, der mit Verstorbenen in Verbindung treten kann. Man sagte mir, dass Sie auf diesem Gebiet über Fähigkeiten verfügen, die ausgesprochen selten geworden sind.“
Sie hob den Blick, ehe ihre Stimme unmerklich leiser wurde. „Vor wenigen Tagen verstarb ein Angehöriger meiner Familie unter Umständen, die bislang niemand erklären kann. Die Pathologie fand keine Ursache, doch ich bin überzeugt, dass sein Tod nicht natürlich war. Mir wurde sein Sterben... angekündigt, allerdings endete die Vision, bevor ich erkennen konnte, was ihm widerfahren war. Seitdem habe ich mehrfach gehofft, dass sein Geist von sich aus den Kontakt zu mir suchen würde, wie es gelegentlich geschieht. Doch er schweigt.“
Für einen Moment ruhte ihr Blick auf ihren ineinander verschränkten Händen. „Ich weiß nicht, ob er nicht sprechen kann oder ob ihn etwas daran hindert. Deshalb hoffe ich, dass Sie vielleicht einen Weg kennen, ihn zu erreichen. Mir geht es nicht darum, jemanden vorschnell zu beschuldigen. Ich möchte lediglich verstehen, weshalb ein Mann sterben musste, dessen letzte Augenblicke... nicht die eines natürlichen Todes waren.“
Für einen Moment schwieg sie, als müsste sie erst den Mut aufbringen, den nächsten Gedanken überhaupt auszusprechen. „Die Familie Ó Domhnaill war einst ein bedeutendes irisches Geschlecht. Heute ist davon nur wenig geblieben. Zwei Hotels in Irland, eines hier in London und ein Erbe, das mit jeder Generation kleiner zu werden scheint. Seit einigen Jahren verwaltet mein Onkel Kearney die verbliebenen Besitztümer. Ich selbst halte mich aus diesen Angelegenheiten so gut es geht heraus. Vermutlich, weil ich in den vergangenen Jahrhunderten oft genug erlebt habe, wie Erbschaften selbst vernünftige Menschen gegeneinander aufbringen können.“ Ihre Finger strichen gedankenverloren über den Rand der inzwischen leeren Tasse.
„Ich möchte meinem Onkel oder irgendjemand anderem wirklich nichts unterstellen“, sagte sie nach einer kurzen Pause, während ihr Blick für einen Moment auf ihren ineinander verschränkten Händen ruhte. Fast schien es, als überlege sie, ob sie den nächsten Gedanken überhaupt aussprechen sollte. Sie war an diese Familie gebunden… für immer. „Und... ich weiß auch nicht, ob das, was ich Ihnen erzähle, am Ende überhaupt von Bedeutung ist. Vielleicht nicht. Aber wenn ich Sie um Ihre Hilfe bitte, dann habe ich das Gefühl, dass ich Ihnen gegenüber ehrlich sein muss. Es wäre nicht richtig, Dinge auszulassen, nur weil sie mir unangenehm sind oder… oder weil ich befürchte, sie könnten in die falsche Richtung weisen.“
Sie hob den Blick erst zögerlich wieder.
„Vielleicht… vielleicht ist es wirklich nur meine eigene Unruhe, die nach einem Zusammenhang sucht, weil die Pathologie keine Antworten finden konnte“, fügte sie beinahe entschuldigend hinzu. „Dennoch... die Spannungen innerhalb meiner Familie haben in den vergangenen Monaten deutlich zugenommen. Hinter verschlossenen Türen wird viel gesprochen, Entscheidungen werden plötzlich getroffen, ohne dass jemand davon erfährt, und Menschen, die sich früher zumindest mit Respekt begegnet sind, scheinen einander inzwischen fast nur noch mit Misstrauen anzusehen.“
Ein kaum merkliches, müdes Lächeln huschte über ihre Lippen. „Ich kenne die Ó Domhnaills seit beinahe achthundert Jahren. Vermutlich bilde ich mir deshalb manchmal ein, ein Gespür dafür entwickelt zu haben, wenn etwas aus dem Gleichgewicht gerät. Vielleicht täusche ich mich diesmal auch. Ich hoffe sogar, dass ich mich täusche. Aber seit der Vision seines Todes lässt mich dieses Gefühl einfach nicht mehr los.“
Ihre Stimme wurde zum Ende hin leiser. „Sollte sein Geist tatsächlich noch mit jemandem sprechen können, dann...“, sie hielt einen Moment inne, als wolle sie ihre Worte besonders sorgfältig wählen, „...dann wünsche ich mir einfach zu verstehen, was geschehen ist. Nicht, um jemanden schuldig zu sprechen. Sondern weil ich fürchte, dass wir andernfalls etwas übersehen könnten, das die Familie noch weiter auseinanderbrechen lässt.“